Soziale Marktwirtschaft – was ist das eigentlich? Hier wird es auf den Punkt gebracht
Das Pommes- oder-Cola- Problem
Da kommen Sie in die Frittenbude – und in Ihrer Hosentasche stecken nur 2 Euro. So ein Pech: Die Pommes kosten 2 Euro, die Cola auch. Eigentlich wollten Sie beides. Nun müssen Sie sich entscheiden. Sie haben – das Pommes-oder-Cola-Problem!
„Vieles ist knapp im Leben“, beginnt Hans Kaminski, wenn er anhand von Bildern aus dem Alltag die Soziale Marktwirtschaft erklärt. „Wir müssen mit allem haushalten – mit Zeit, Geld, Gütern und Rohstoffen.“ Man kriegt nur was, wenn man auf was anderes verzichtet: Geben wir 15 Euro für die ersehnte CD oder für das wichtige Lehrbuch aus? Nehmen wir uns Zeit fürs Kino oder Büffeln?
Schulstunde im Ringlok-Schuppen
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| Professor Hans Kaminski:
Er erklärt Wirtschaft mit Bildern aus dem Alltag. Fotos:
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Wirtz (2) |
Kaminski, Professor an der Uni Oldenburg, ist so etwas wie der Guru der Wirtschaftsdidaktik in Deutschland. Das „Pommes-oder-Cola-Problem“ ist der Motor der Wirtschaft, erklärt er in einer Muster-Schulstunde vor 260 Unternehmern, Azubis und Schülern im „Ringlok-Schuppen“, einer alten Dampflok-Wartungshalle in Bielefeld. Eingeladen hat der Unternehmerverband Metall Ostwestfalen.
„Wenn alles knapp ist“, sagt Kaminski, „dann muss man sich entscheiden, was wirklich wichtig ist.“ Das ist das Signal für die Wirtschaft – die dann selbst mit Knappheiten haushalten muss: Wer fertigt was, wo und für wen?
Kaminski bildet Lehrer aus, schreibt Schulbücher, macht TV-Sendungen, bastelt an Studiengängen zur ökonomischen Bildung in Russland, Polen und China. Er weiß: Die Soziale Marktwirtschaft hat ein Image-Problem: Nur jeder zweite Deutsche hält sie für „bewährt“, vor neun Jahren waren es laut Umfrage des Bankenverbands 70 Prozent. Und er kontert gern mit Humor. Spielt Filme ein, erzählt Geschichten, zeigt Karikaturen und Comics.
„Echt gut gemacht“, findet Beatriz Martinez-Hermida, angehende Industriekauffrau beim Garagentor-Hersteller Hörmann aus Steinhagen bei Bielefeld. Ihr Mit-Azubi Christian Schwarz nickt: „Jetzt kann man mitreden.“
Für die Moral sorgen die „Spielregeln“
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| Dazugelernt: Azubis Christian Schwarz und Beatriz Martinez-Hermida vor dem Vortragssaal. |
Vier Rädchen, so erklärt Kaminski weiter, treiben das Räderwerk der Wirtschaft an. Erstens der Markt, der die Nachfrage der Verbraucher in Produktionssignale übersetzt. Zweitens der Preis, der sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ergibt. Drittens die privaten Unternehmen, die die Produktion organisieren. Und viertens der Gewinn, der sie dabei motiviert.
„Deshalb“, so Kaminskis Fazit, „wird nur das produziert, wofür es ein Bedürfnis gibt.“ Er setzt hinzu: „Oder wofür man glaubt, dass es ein Bedürfnis gäbe.“ Etwas Risiko ist stets dabei. Aber damit ist Deutschland, trotz aller Krisen, nun schon 60 Jahre erfolgreich.
Zumal im System der Sozialen Marktwirtschaft diese vier Rädchen zugleich ins Räderwerk der Gesellschaft eingebunden sind. Wähler, Verwaltung, Regierung reden mit. „Jede Wirtschaftsordnung muss auch zu Sicherheit, Gerechtigkeit und Wohlstand beitragen“, so Kaminski. Das geht über die Sozialsysteme.
Sie federn Härten für den Einzelnen ab. Und was ist mit der Moral? Die könne man nicht für jeden „Spielzug“ erzwingen, betont Kaminski. Wenn der ein unerwünschtes Ergebnis bringt, „dann muss man die Spielregeln ändern“. So wie es die Industriestaaten gerade bei den Banker-Boni anstreben. Kaminski: „Eine Wirtschaftsordnung ist nie fertig. Sie muss fortdauernd gestaltet werden.“
Und wieder erzählt er eine Geschichte aus dem Alltag. Da treffen Sie sich freitags mit Freunden in der Gaststätte, und es wird immer so verdammt teuer. Vielleicht lag es an der Spielregel? Daran, dass immer alles
auf einen Deckel kommt?
Hans Joachim Wolter
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