Berufsbezeichnungen
entscheiden bei Jugendlichen über die Berufswahl
„Wie uncool...“
Eine Studie zeigt: Die Ausbildungsmisere hat auch mit antiquierten
Berufsnamen zu tun. So verbinden die Jugendlichen den „Müller“,
den „Schornsteinfeger“ oder
den „Bäcker“ mit dem Märchenbuch. Sie halten diese
Berufe für altmodisch – und meiden sie. Mädchen wählen
selten Berufe, die Zusätze wie „-verarbeiterin“, „-monteurin“, „-mechanikerin“ oder „bauerin“ im
Namen tragen. Besser kommt an, wenn die Bezeichnung auf feinmotorisch-gestalterische
Tätigkeit schließen lässt, wie „Feinoptikerin“, „Feintäschnerin“ oder „Konditorin“.
Jungen dagegen sind skeptisch, wenn Tätigkeiten im sozialen Sektor
auf nachrangige Positionen schließen lassen: Etwa „Arzthelfer“ oder „Krankenpfleger“ zu
werden, das fällt ihnen schon aus Imagegründen schwer.
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| Neuer Name, neues Image: Der Buchbinder wird zum
Medienfinisher. |
Die 16-jährige Claudia ist eine kontaktfreudige Frau. Sie hat eine
hohe soziale Kompetenz und ist auch unter Stress belastbar. Mit ihrem
guten Realschulabschluss rechnet sie sich reelle Chancen auf eine Lehrstelle
aus: „Mediengestalterin oder so, das wärs doch.“ Als
ihr
ein Berufsberater vorschlägt, sich wegen der besseren
Stellenlage als „Informations- und Telekommunikationssystem-Elektronikerin“ zu
bewerben, ist sie entsetzt: „Wie uncool!“
„Obwohl der Job ähnlich ist, kommt bei der Jugendlichen sofort das
Bild einer eintönigeren und schmutzigeren Arbeit auf, bei der sie
einsam an PCs schraubt“, erklärt Joachim Gerd Ulrich vom Bonner
Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Ulrich ist einer der Autoren
einer gerade erschienenen Studie, in der das BIBB in Zusammenarbeit mit
der Universität Bonn
zu einer überraschenden Erkenntnis gekommen ist: Anders als bisher
angenommen, spielt die Berufsbezeichnung bei der Lehrstellenwahl eine
wichtige Rolle. Jugendliche, so zeigt die
Studie, haben offenbar ihre ganz eigene Lesart der Berufsbezeichnungen
und entscheiden häufig nach dem Motto „nomen est omen“,
ob der Job top oder flop ist.
Zum einen, so fanden die Bonner Forscher bei der Befragung von rund 900
Schülerinnen
und Schülern, haben Berufsbezeichnungen eine Informations- und Signalfunktion:
Jugendliche lesen sie wie Hinweisschilder darauf, was sie im Beruf erwartet.
Dies wird oft zum Problem für traditionelle Berufe, weil ihre Bezeichnungen
falsch interpretiert werden.
Der Lehrberuf
als Visitenkarte
Die Schulabgänger versuchen, die Belastungen der Lehrstellensuche
auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Deshalb neigen sie dazu, die
Zahl der infrage kommenden Berufe überschaubar zu halten. Die Namen
dienen ihnen als Raster: Was nicht sofort interessant klingt, fällt
durch. Das Spektrum der Berufe wird daher oft unterschätzt.
Ganz wichtig – siehe Claudia – ist auch die Selbstdarstellungsfunktion
der Berufsbezeichnungen: Jugendliche überprüfen sie auf ihre Tauglichkeit
als „Visitenkarte“ der eigenen Persönlichkeit. Attraktiv
sind Bezeichnungen, die
auf einen intelligenten, erfolgreichen und geachteten Menschen schließen
lassen, wie zum Beispiel der „Mediengestalter für Digital- und Printmedien“.
Negativ bewertet werden dagegen Namen wie „Gebäudereiniger“ oder
die verstaubt klingende „Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft“.
Deshalb muss demnächst der
gute alte „Buchbinder“ aus Gutenbergs Zeiten dran glauben: Er wird
demnächst „Medienfinisher“ heißen.
Forscher Ulrich hofft, dass nun aus seiner Studie die richtigen Konsequenzen
gezogen werden: „Wir möchten, dass jede neue Berufsbezeichnung,
die durch neue Ausbildungsordnungen entsteht, auf ihre Chancen bei den Jugendlichen
hin überprüft wird.“ Dabei
solle man auch auf den Geschmack der jungen Damen achten: „Mit gezielt
gewählten Berufsbezeichnungen, die zumindest keinen negativen ersten Eindruck
bei Mädchen auslösen, könnten mehr
Frauen für männerdominierte Berufe gewonnen werden.“
Suska Döpp |